Berufen für das Licht

Predigtgedanken zum 4. Fastensonntag

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Berufen für das Licht

Wenn ein Menschenkind geboren wird, sagen wir, dass es das Licht der Welt erblickt. Es begegnet der Welt auf eine ganz besondere Weise. Genau genommen begegnet ihm die Welt, sie kommt auf den Menschen zu, fällt in ihn ein und prägt sich in sein Ich. Geboren werden und Sehen lernen stehen in einem inneren Zusammenhang. Geburt ist Heraustreten aus Enge und Dunkelheit in eine Weite und Farbigkeit der Welt und des Lebens. Die Augen zu öffnen und zu sehen ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg in das Leben. Sehen und Kennen stehen in einem engen Zusammenhang. Manchmal empfinden wir uns, obwohl wir sehen, mit Blindheit geschlagen, weil uns der Zugang fehlt, bis uns die Erleuchtung kommt und uns ein Licht aufgeht. So haben viele nachdenkliche Betrachter die biblische Erzählung von dem Mann, der von Geburt an blind war, als Gleichnis für den Weg zur Erkenntnis, zur Erleuchtung, zum Sehen in einem umfassenden Sinn gedeutet und verstanden.

Die Welt sehen

Das Sehen ist zunächst eine Funktion, die uns hilft zur Orientierung, zum Wiedererkennen und zur Bewältigung unseres Alltagslebens. Menschen, denen das Sehvermögen gemindert oder genommen ist, bedürfen gewaltiger Anstrengungen, diesen Mangel auszugleichen, und sind auf vielfältige Hilfen angewiesen. Sehen ist aber mehr als eine solche Funktion. Das Sehen löst in uns eine Vielzahl von Gefühlen aus. Es kann Bewunderung hervorrufen, aber auch Entsetzen, es kann Aggressionen wecken oder Mitleid bewirken. Wie die Geburt mit dem Sehen verwandt ist, so ist das Sehen mit dem Erkennen und Deuten verbunden. Wir sagen, dass ein Mensch hinter die Fassade schauen kann, oder sprechen von den Augen des Herzens. In der Geschichte der Mythen und der Religionen begegnen uns Menschen, die in besonderer Weise das Leben, die Welt, die Geschichte zu deuten vermögen, die man als Seher bezeichnet, obwohl sie gelegentlich als Blinde geschildert werden. Vor einigen Jahrzehnten erschien ein beeindruckendes Buch eines erblindeten Menschen, der davon berichtet, dass er nach seiner Erblindung das innere Sehen erst fand und sich ihm eine tiefe Sicht und Erkenntnis der Wirklichkeit erschloss. Das Buch trägt den bezeichnenden Titel »Das Licht in dir«. Solche Erfahrungen machen deutlich, dass die natürliche Gabe des Sehens in einem tiefen Zusammenhang steht mit der Frage nach dem Leben, seinem Sinn und seiner Berufung zum Licht. Sehen ist eine Weise, die Welt anzuschauen und zu erkennen oder zu erahnen als die Schöpfung Gottes und zugleich teilzunehmen an dem Blick Gottes, von dem der Schöpfungsbericht der Bibel am Ende des sechsten Tages sagt: »Und Gott sah alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut« (Gen 1,31). Sehen ist aber auch eine Weise, die Welt anzuschauen und ihre Entstellung und ihr Leid zu sehen und teilzunehmen am Blick Jesu auf sein Umfeld in Mitleid und Erbarmen. So ist schon das natürliche Augenlicht eine Möglichkeit, unsere Berufung zu erahnen, die darin besteht, als Kinder des Lichtes zu leben und die Welt im Licht der Weisheit Gottes zu sehen. Die Heilung des Blinden ist ein Zeichen für die von Gott ermöglichte und gewollte Ordnung der Schöpfung.

Christus erkennen

Die Begegnung Jesu mit dem Blinden erschöpft sich nicht in dem Bericht von der Heilung und Erlangung des Augenlichtes. Sie führt weiter und findet ihre eigentliche Aussage in der Erkenntnis, dass Jesus der Menschensohn, der Christus ist. Viele, oftmals legendäre Schilderungen von Blindenheilungen in der christlichen Heiligenliteratur haben gerade diese Aussageabsicht. Die Heilung von Blindheit und die Erlangung des Augenlichts ist nur eine bildliche Schilderung für die Hinwendung zum Glauben und dem Bekenntnis zu Jesus Christus. Der wahre Teich Schiloach ist die Taufe. Es geht um eine zweite Geburt, noch einmal muss die Dunkelheit aufgehellt und die Enge gesprengt werden. Das Evangelium schildert die unterschiedlichsten Begegnungen mit Jesus auf dem Weg nach Jerusalem, und es lässt erkennen, dass das Sehen, die Erfahrung bei manchen Menschen im Wahrnehmen stehen bleibt, andere staunen oder werden nachdenklich, andere sind von ihren Vorstellungen gefangen und verblendet, oftmals gerade durch vermeintliche religiöse Vorstellungen und Normen. Der Blinde im Evangelium wird wahrhaft sehend und findet durch Jesu Selbstzeugnis zur Antwort des Glauben: »Ich glaube, Herr!« Damit ist auch unsere Existenz als Christen beschrieben. Wir haben die Offenbarung Gottes in Jesus Christus angenommen und sind durch den Teich Schiloach in der Taufe gegangen. Uns sind die Augen geöffnet zum Glauben. Wir leben nicht mehr im Dunkeln, sondern haben den erkannt und angenommen, der von sich selbst sagt: »Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben« (Joh 8,12). Wie das körperliche Sehen Orientierung ermöglicht, so ermöglicht dieses Sehen des Glaubens Orientierung im Leben. Wer glaubt, ist nicht allen beliebigen Strömungen und Verwerfungen ausgeliefert. Es steht ein Licht über seinem Weg.

Verheißung des ewigen Lichtes

Das Sehen und die Erfahrung der Welt lassen uns Deutungen und tiefere Sichtweisen finden. Sie bleiben freilich immer wie in einem Nebel, und manchmal erscheinen sie uns mehr als Ahnungen denn als ein Erkennen. Auch unser Glaube bleibt stets gefährdet, er wird von Anfechtungen und Zweifeln irritiert. Unsere Weltsicht und unser Glaube sind auf dem Weg, noch nicht am Ziel. So bleiben sie offen und zugleich angelegt auf eine dritte Geburt, eine verheißene Erleuchtung, ein endgültiges Sehen. Dies gehört als das Innerste zu unserer christlichen Existenz: die Hoffnung auf das Licht, in dem wir das Licht schauen. Aus der österlichen Botschaft wird der Tod zur Verheißung einer Existenz, von der es in der Liturgie heißt, dass wir Gott schauen von Angesicht zu  ngesicht (vgl. 1 Kor 13,12).

Werner Kathrein

 

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