Ein grosses Bild – 12. April 2020

Predigtgedanken zum  Ostersonntag

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Ein grosses Bild

Manche Autorinnen und Autoren verstehen es, ihre Leser ins Unermessliche zu fesseln. Ihre Schilderungen sind so detailgetreu und anschaulich, dass im Kopf des Lesers ein Bild entsteht. Die englische Jugendbuchautorin Enyd Mary Blyton war eine von ihnen. Ihre bildhaften Beschreibungen waren so fesselnd, dass man über den atmosphärischen Schilderungen schon mal die fünf Freunde vergessen konnte, die sich gerade anschickten, einen neuen spektakulären Kriminalfall zu lösen. Die Hauptpersonen traten in den Hintergrund, weil die vordergründigen Nebensächlichkeiten so kunstvoll dargestellt wurden, dass man an ihnen hängen blieb. Genau diese Nebensächlichkeiten aber sind es, die die Kunst des Schreibens ausmachen. Es geht eben nicht nur um kühle Berichterstattung; der Leser wird vielmehr auf eine Reise mitgenommen, die in einem großen Bild endet, in das er sich hineinfühlen, das er miterleben kann.  

Das Bild des Ostermorgens

Was der Evangelist Johannes in seiner Schilderung des Ostermorgens tut, ist ganz ähnlich gelagert. Der aufmerksame Leser oder Zuhörer, der sich auf die Schilderung einlässt, kann spüren, was an diesem Morgen geschehen sein mag. Maria von Magdala war in aller Frühe aufgebrochen. Noch vor Sonnenaufgang hat sie sich auf den Weg gemacht, um zu der Stelle zu gehen, an der mit dem Herrn auch all ihre Hoffnungen begraben sind. Sie wartet nicht, bis es Tag geworden ist. Sie bricht auf, getrieben von Verzweiflung und Trauer, aber auch von einer tiefen Liebe, in der sie dem Gekreuzigten einen letzten Dienst erweisen will. Unterwegs wird sie sich gefragt haben, wie sie überhaupt in das Grab hineingelangen soll. Sie weiß, es ist mit einem schweren Stein verschlossen, einem Stein, den sie alleine nicht bewegen kann. Am Grab angekommen, dem Ort der Trauer und der Verzweiflung, muss sie entdecken, dass der Stein nicht mehr an seinem Platz liegt. Er ist weggenommen worden. Maria von Magdala hat genug gesehen. Sie geht nicht in das Grab hinein, schaut nicht nach, was geschehen ist. Der Stein ist entfernt, und ihr wird klar, es muss etwas geschehen sein, was sie sofort den Jüngern mitteilen muss.  

Der Stein als Symbol des Frevels

Der Stein ist fort, die Trauer aber bleibt. Zunächst ist für Maria unklar, was das offene Grab zu bedeuten hat. Sie sieht das geöffnete Grab, und für sie gibt es nur eine Erklärung: »Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen, und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat.« Noch ist der weggewälzte Stein für sie ein Zeichen für etwas Bedrohliches, Symbol dafür, dass die Totenruhe missachtet wurde. Erst nachdem Petrus und der geliebte Jünger in das Grab hineingegangen waren und voll Glauben zurückkehrten, wird der weggewälzte Stein vom Symbol des Frevels zum unschätzbaren Bild der Hoffnung.  

Der Stein als Bild der Hoffnung

Dieses Bild der Hoffnung baut auf alte Traditionen auf. Steine hatten im religiösen Bereich immer eine große Bedeutung. Manch primitiven Kulturen galten sie als Medium der Gottesoffenbarung, und auch in der Bibel begegnet uns der Stein in vielfältigen Zusammenhängen. Auf der Wanderung Israels durch die Wüste schlägt Mose Wasser aus einem Felsen (vgl. Ex 17,6). Jesus nennt Petrus den Felsen, auf dem er seine Kirche aufbauen will (vgl. Mt 16,18), und Christus selbst vergleicht sich mit dem von den Bauleuten verworfenen Stein, der zum Eckstein wird (vgl. Lk 20,17). Der Stein vor dem Grab hat freilich eine andere Bedeutung. Er steht zunächst nicht für etwas Positives. Er wirkt massiv und endgültig. Jesus ist gestorben und begraben worden. Ein schwerer Stein verschließt das Grab. Es ist aus und vorbei. Am Ostermorgen aber wird diese Endgültigkeit aufgebrochen. Der Stein ist weggewälzt, der Weg zum Leben geöffnet. Der erniedrigte und gekreuzigte Herr lebt. Die Macht des Steines reicht nicht aus, das Leben zu verschließen. Steine sind Symbole für Lebloses, Totes und Schweres, mit ihnen verschließt man Gräber. Der Stein des Ostermorgens aber zeigt das Gegenteil. Er wurde bewegt, wurde entfernt. Die harte, leblose Masse, ein Bild für die Schuld der Menschen, konnte den Herrn des Lebens nicht halten. Er ist auferstanden, Christus lebt. Seine Auferstehung nimmt dem Stein zwar nicht die Härte, der Tod ist auch weiterhin eine Realität, mit der wir rechnen müssen, sie zeigt aber, der Stein ist beweglich. Es gibt Hoffnung auf ein Leben über den Tod hinaus. Christus hat den Stein des Todes weggewälzt und der Menschheit den Weg zum ewigen Leben geöffnet.  

Die Steine des Lebens wegwälzen

Diese Hoffnung über den Tod hinaus soll den Christen nicht nur im Blick auf ein Leben nach dem Tod trösten. Ewiges Leben, das wirklich diesen Namen verdient, beginnt nicht erst nach dem irdischen Tod. In seinem Evangelium macht Johannes immer wieder deutlich: Ewiges Leben beginnt jetzt, oder es beginnt nie! (vgl. Joh 10,10). Auch in den scheinbar aussichtslosen Situationen des Alltags darf der Christ sich von dieser Ostererfahrung trösten lassen. Wenn der Stein vor dem Grab zu bewegen war, dann werden sich auch viele Steine, die uns im Alltag behindern, bewegen lassen. Christus ist auferstanden, der Stein entfernt. Diese Botschaft will nicht vertrösten. Sie schenkt die berechtigte Hoffnung auf Heil und Leben, und sie ermutigt uns, schon jetzt so zu leben, dass das ewige Leben im Hier und Jetzt endlich beginnen kann.  

Christoph Heinemann

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