Hausgottesdienst am Karfreitag – 10. April 2020

Der gesamte Gottesdienst ist hier zum Download verfügbar: als PDF herunterladen

Vorbereitung: Auf dem Tisch steht eine brennende Kerze. Um sie herum werden während der Feier folgende Symbole angeordnet: eine Waage, ein Kreuz, ein weißes Tuch, ein Hammer mit einem Nagel. Man kann auch auf die Symbole verzichten. Idealerweise wird der Gottesdienst gegen 15.00 Uhr oder später gefeiert. Alle versammeln sich um den Tisch und alle werden still. Nach einer kurzen Stille beginnt der Vorbeter/die Vorbeterin den Gottesdienst.

Eröffnung

V: In dieser Stunde gedenken wir des Leides und des Todes unseres Herrn Jesus Christus. Gottes Sohn hat unser Menschsein geteilt aus Liebe zu uns. In letzter Konsequenz hat er erfahren, was es heißt, Mensch zu sein, er hat sich nichts erspart: Kein Leid ist ihm fremd. Wir wollen nun seinem Leidensweg betrachten und dabei an all die denken, deren Leben von leidvollen Erfahrungen bestimmt ist.

 

1. Betrachtung: abgeurteilt und aufgebürdet

Lektor 1:  Jesus steht vor dem Richter. Er, der gerechte und menschenfreundliche Bote der Liebe Gottes, ist der Willkür ausgeliefert. Ein angestachelter Mob will seinen Tod. Pilatus, der ungerechte und feige Richter, handelt gegen seine eigene Überzeugung und verurteilt ihn hart und gnadenlos. Die johlende Menge ist zufrieden. Das Urteil ist gefällt. Ein eingespieltes Verfahren nimmt seinen Lauf. Man lädt dem Herrn das Kreuz auf die Schultern. Mitleid wird nicht gewährt. Er, der immer Mitleid gezeigt hat, wird mitleidlos behandelt. Obwohl sein Körper durch die Geißelung geschwächt ist, bürdet man ihm das Kreuz auf. Die Waage wird neben die brennende Kerze gestellt.

Lektor 2: Die Situation ist uns nur allzu bekannt. Es muss nicht immer der Richterstuhl sein, vor dem Menschen abgeurteilt werden. Aus den Medien, dem Kreis der Mitschüler und Kollegen wissen wir alle, wie schnell Urteile gefällt werden. Wo stehe ich: Gehöre ich zum angestachelten Mob, der über andere lästert und ihnen keine Chance lässt? Bin ich Richter, der wider besseres Wissen Urteile fällt?

V: Herr Jesus Christus,
da stehst du nun, in der dunkelsten Stunde deines Lebens.
Verkannt, verurteilt, abgeschrieben.
Du weißt, wie es ist, einem ungerechten Urteil unterworfen zu sein.
Hilf uns, dass wir unsere Mitmenschen nicht ungerecht beurteilen.
Schenke uns deinen Geist, dass wir erkennen, wo wir eingreifen müssen,
wenn andere der Boshaftigkeit ihrer Mitmenschen zum Opfer fallen.
Bruder der Menschen, kein Leid ist dir fremd, höre unser Gebet jetzt und immer.
A: Amen.

 

2. Betrachtung: Am Boden zerstört, aber nicht allein

Lektor 1: Vom Zentrum der Besatzungsmacht sind alle aufgebrochen. Jesus schleppt das Kreuz durch die engen Gassen der Stadt. Die Hitze ist unerträglich, die Menschen am Straßenrand ergötzen sich an seinem Leid, lachen und feixen, während Jesus zusammenbricht. Dreimal muss der Zug stoppen, weil der Herr am Boden liegt. Nicht alle schauen tatenlos zu. Veronika wischt Jesus den Schweiß aus dem Gesicht und Simon von Cyrene fasst an und hilft, das Kreuz zu tragen. Das Kreuz wird neben die brennende Kerze gelegt.

Lektor 2: Schwäche wird nicht akzeptiert, nur der Starke überlebt. Unzählige ­Beispiele dafür prägen unseren Alltag. Kapitalismus in seiner schlimmsten Form übervorteilt den Schwachen und kennt keine Rücksicht. Menschen in den Entwicklungsländern, die Hilfe zur Selbsthilfe bräuchten, werden mit den Abfällen der Wohlstandsgesellschaft abgespeist, Kranke und Schwache im eigenen Land an den Rand gedrängt und vergessen. Unzählige Kreuze müssen getragen werden, auch heute. Zum Glück gibt es immer noch Menschen, die sich wohltuend von der Masse absetzen. Die nicht einfach zuschauen, sondern tatkräftig helfen, auch dann, wenn es nicht populär ist. Menschen, die sich aus Überzeugung einsetzen, nicht, weil sie gelobt werden wollen.

V: Herr Jesus Christus,
wir danken dir für alle Menschen, die sich engagieren.
Danken dir für diejenigen in unserer Gemeinde, unserem Ort,
unserer Gesellschaft, die ein offenes Ohr, offene Augen und ein großzügiges Herz haben.
Lass uns aus ihrem Beispiel lernen und selber Menschen der Tat werden, die ihren Schwestern und Brüder beistehen.
Bruder der Menschen, kein Leid ist dir fremd, höre unser Gebet jetzt und immer.
A: Amen.

 

3. Betrachtung: Leid macht sprachlos

Lektor 1: Das Leid Jesus lässt viele Menschen nicht zur Ruhe kommen. Am Kreuzweg stehen Frauen, die bittere Tränen um ihn vergießen. Tränen, die kaum zu trocknen sind. Auch Maria, seine Mutter, ist tief erschüttert, weint um ihren Sohn. Lähmendes Entsetzen und maßlose Traurigkeit begegnen dem geschundenen Herrn auf seinem Kreuzweg.
Das Tuch wird neben die brennende Kerze gelegt.

Lektor 2: Menschen in Not, Menschen mit schweren Krankheiten und großen Sorgen sind oft nicht die einzigen, deren Leben in Mitleidenschaft gezogen ist. Angehörige von Schwerstkranken leiden mit ihren Lieben, können kaum ertragen, wenn sie das Leid nicht lindern können. Eltern, die erleben, wie ihre Kinder in Schwierigkeiten geraten, fühlen sich hilflos und viele Partner verstummen angesichts der Sorgen und Nöte ihres Mannes, ihrer Frau. Leid geliebter Menschen macht sprachlos und Sprachlosigkeit schafft neues Leid.

V: Herr Jesus Christus, auf deinem bittersten Weg bist du Menschen begegnet,
die tieferschüttert von deinem Leid waren.
Du hast nicht geschwiegen.
Du hast sie ernstgenommen in ihren Sorgen und Nöten.
Selbst in den schlimmsten Stunden des eigenen Lebens
hast du noch ein gutes Wort für sie gehabt.
Hilf uns, die Sprachlosigkeit zu durchbrechen, wenn wir Leid und Not erleben.
Schenke uns die richtigen Worte und, wo es nötig ist, auch die Weisheit des Schweigens.
Bruder der Menschen, kein Leid ist dir fremd, höre unser Gebet jetzt und immer.
A: Amen.

 

4. Betrachtung: Bloßgestellt und festgenagelt

Lektor 1: Das bösartige Spiel strebt seinen Höhepunkt zu. Am Berg der Kreuzigung angekommen, reißt man Jesus die Kleider vom Leib und schlägt ihn ans Kreuz. Er, der niemanden bloßgestellt hat, der sich schützend vor die Sünder und Außenseiter gestellt hat, der die Würde des Einzelnen achtete und verkündete, wird seiner letzten Würde beraubt. Nackt und hilflos liegt er da, ans Kreuz geschlagen. Hammer und Nagel werden neben die brennende Kerze gelegt.

Lektor 2: Wir haben uns beinahe daran gewöhnt, dass Menschen bloßgestellt werden. Das Fernsehen, die Zeitungen, das Internet, sie berichten uns Tag für Tag Dinge, die privat bleiben sollten. Die Sensationsgier des Menschen scheint unersättlich, nicht nur in den Medien. Über wen zerreißen wir uns im Laufe des Tages nicht alles den Mund. Wie viele Menschen stellen wir aus Spaß und Langeweile bloß, wen nageln wir nicht fest mit unseren Vorverurteilungen. Im großen Gefüge der Gesellschaft klagen wir die Würde des Menschen gerne ein, tun wir es auch im Kleinen?

V: Herr, Jesus Christus,
du hast gelehrt, dass es die Wahrheit ist, die freimacht.
Wie oft scheren wir uns nicht um das, was wahr ist.
Wir ergötzen uns an der Sensation und nehmen im Kauf, dass die Privatheit und die Würde unserer Mitmenschen dabei auf der Strecke bleiben.
Schenke uns den Mut zur Wahrheit und bewahre uns vor menschenverachtender Sensationsgier.
Bruder der Menschen, kein Leid ist dir fremd, höre unser Gebet jetzt und immer.
A: Amen.

 

5. Betrachtung: Der Herr stirbt

Lektor1: Es ist vollbracht. Jesus ist den Weg bis zum Ende gegangen. Den schändlichsten Tod der antiken Welt musste er sterben. Grausam und hart waren die Henker und die Gaffer am Rande. Viele stehen um ihn herum, aber nur wenige stehen zu ihm unter dem Kreuz. Trotz der vielen Menschen, ein einsamer Tod. Die Kerze wird ausgeblasen. Es folgt eine kurze Gebetsstille.

Lektor 2: Obwohl der Tod heute direkt bis ins Wohnzimmer geliefert wird und wir in den Fernsehnachrichten und im Internet die Opfer von Terrorakten, Krieg, Naturkatastrophen und spektakulären Unfällen zu sehen bekommen, haben wir das Sterben aus unserem Bewusstsein verdrängt. Unzählige sterben einsam und verlassen. Zwar professionell gepflegt, aber ohne menschliche Nähe. Viele sterben unbemerkt. Drei Tote nach einem Bombenanschlag interessieren uns mehr als tausende, die an Mangelernährung sterben, irgendwo in einem Land, dessen Namen wir nicht einmal kennen.

V: Gekreuzigter Herr,
du bist einen grausamen Tod gestorben.
So einen Tod verdient niemand,
am wenigsten du, der immer voller Liebe zu den Menschen war.
Hilf uns, dass wir unsere Augen nicht vor dem Tod verschließen.
Steh uns bei, dass wir Sterbenden beistehen können,
öffne unsere Augen, dass wir erkennen, wo Leben bedroht ist.
Bruder der Menschen, kein Leid ist dir fremd, höre unser Gebet jetzt und immer.
A: Amen.

 

Verehrung des Kreuzes und Bittgebet

V: Wir haben des Leidens und des Todes unseres Herrn gedacht. Bevor wir in unseren Alltag zurückkehren, verehren wir das Kreuz des Herrn. Wir können das Kreuz in die Hand nehmen und in Stille anschauen, uns vor dem Kreuz zu verneigen oder es zu berühren.

Kurze Stille

 

V: Herr Jesus Christus
Du heilst und heiligst.
Im festen Glauben daran kommen wir in dieser besonderen Zeit zu Dir:
Wir kommen mit unseren eigenen Fragen und Sorgen;
wir kommen auch, um Dir die vielen Heilsbedürftigen zu bringen:

Wir bringen Dir:

die Sterbenden und arglos Lebenslustigen,
die Kranken und Gesunden,
die Ängstlichen und Mutigen,
die Verunsicherten und Selbstsicheren,
die Verantwortlichen und Unverantwortlichen,
die Helfenden und Gleichgültigen,
die Sorgenden und Sorglosen,
die Tröstenden und Untröstlichen,
die Entschiedenen und Unentschiedenen,
die Solidarischen und Unsolidarischen,
die Geduldigen und Ungeduldigen,
die, im erzwungenen Miteinander und die Verlassenen,
die wirtschaftlichen Verlierer und die ungenierten Gewinner,
die Gläubigen und Ungläubigen,
die Hoffenden und Hoffnungslosen,
die Barmherzigen und Lieblosen.

Herr, Jesus Christus dankbar schauen wir auf unsere Heilsgeschichte.
In der Vergangenheit wurdest Du zur Hoffnung für viele;
Dein Geist wirke bis heute in Kirche und Kultur;
aus der Zukunft kommst Du als Heiland auf uns zu.

 

Hilf allen Menschen in dieser Krisenzeit:

bei aller Befürchtung, klar zu denken;
bei aller Einschränkung, kreativ zu bleiben;
bei aller Vorsicht, beherzt zu handeln;
bei aller Berechnung und Wirtschaftlichkeit, menschlich zu sein;
bei aller gebotener Distanz, einander in Liebe verbunden zu bleiben;
bei allen Zweifeln, den Glauben an Dich zu wahren.

Abschluss

V: Gemeinsam wollen wir beten, wie Jesus selbst es seinen Jünger gelehrt hat.
A: Vater unser im Himmel…

 

V: Herr, unser Gott, reicher Segen komme herab auf dein Volk,
das an den Tod deines Sohnes gedacht hat und die Auferstehung erwartet.
Schenke ihm Verzeihung und Trost, Wachstum im Glauben und die ewige Erlösung.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.
A: Amen

 

Zwischen den einzelnen Betrachtungen kann gesungen werden. Geeignete Lieder finden u.a. sich im Gotteslob unter den Nummern 270 bis 277 und 289 bis 291.

 

Christoph Heinemann/Thomas Klosterkamp

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