Ostern entgegen

Predigtgedanken zum Palmsonntag

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Ostern entgegen

So kurz vor Ostern gilt es die Gefühle zu ordnen. Die Kirche mahnt uns in besonderer Weise dazu, am heutigen Palmsonntag. Wir haben vom Einzug Jesu in Jerusalem gehört, in der hl. Messe würde heute auch noch die Passion gelesen. Die Verkündigung des Palmsonntags schlägt damit den Bogen vom Einzug Jesu in die Heilige Stadt zu seinem Kreuzestod vor den Toren Jerusalems.

In beiden biblischen Szenen, die sich um Jerusalem drehen, reagiert die Menge von der Straße auf Jesus mit großer Emotionalität. Erst heißt es noch euphorisch: „Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn.“

Nicht viel später ist die Stimmung umgeschlagen. Hasserfüllt riefen die Menschen: „Ans Kreuz mit ihm!“ In der Menge fanden sich einige wenige Anhänger Jesu. Aber da waren auch einige Feinde, die wir ebenso in der Minderheit glauben dürfen. Die meisten Menschen kannten Jesus nicht. Sie wussten gar nicht, worum es eigentlich geht. Sie schrien einfach mit, sobald sich die jeweiligen Wortführer hervortaten.

 

Spaltung: (M)eine Menschliche Erfahrung

Stimmungs- und Meinungsmache hat es wohl immer schon gegeben. Die übergroßen Erwartungen, die keiner erfüllen kann und die dann nicht ausbleibenden Enttäuschungen tun das ihre dazu. Da wird Lob zum Tadel, Freude zum Hass, Verehrung zu Verachtung. Das Volk war in sich gespalten. Es ist nicht die Pluralität, die fruchtbare Verschiedenheit, die das Bild bestimmt. Es ist die Polarität, die Gegensätzlichkeit, die Uneinigkeit und die damit verbundene Auseinandersetzung, die in jenen Tagen Jerusalem bestimmt haben. – So war es nicht nur damals! So ist es vielfach bis heute! Die Menschen in Jerusalem sind ein Bild für die ganze Menschheit. Die Heilige Stadt spiegelt die menschliche Zerrissenheit.

Der Palmsonntag konfrontiert uns mit dieser Realität, die auch unser Leben berührt. Und dabei geht es nicht um das Parteiergreifen. Es geht zunächst darum, sich zu positionieren. Wir gehören in der Regel nicht zu den Schreihälsen, die in den Extremen das Heil suchen. Als gläubige Menschen gehören wir leider mehr und mehr zu denen, die keine Meinung haben, die nicht wissen, was sie heute als Katholiken denken sollen. Das ist in keiner Weise ein Vorwurf! Wie vielen politischen und gesellschaftlichen Meinungen und Mainstreams sind wir heute ausgesetzt? Vieles scheint uns attraktiv und sinnvoll. Doch dann merken wir, dass das eine oder andere in der letzten Konsequenz unserem Glauben entgegensteht. Wir erleben uns als Gläubige nicht selten selbst zwiespältig, hin- und hergeworfen zwischen dem, was „man“ heute ebenso denkt und tut und dem, was der Glaube gebietet. Und wir erleben diese Zerrissenheit bis hinein in die Kirche. Auch da gefällt man sich seit langem darin, die vermeintlichen Lager in „rechts“ und „links“, in „progressiv“ und „konservativ“, in „modern“ und „traditionell“ aufzuspalten. Einheit ist schwerlich auszumachen.

Ich frage mich, ob das vielleicht so sein muss. Ich erlebe uns nämlich vielfach immer noch als zu selbstsicher, wenn es um unseren Glauben geht. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, damals wie heute ist die Erfahrung der Spaltung die Situation, in die hinein Gott sich offenbart. Spaltung ist der Ausgangspunkt, der durch Leiden, Kreuz und Auferstehung zur Einheit mit Gott führen soll.

 

Einheit: (M)ein österlicher Weg

Die Karwoche, die wir mit dem Palmsonntag beginnen, führt uns auf den österlichen Weg. Die Erfahrung der Spaltung kann überwunden werden, wenn man sich in die Schule Jesu begibt. Der nimmt uns mit auf seinen Weg.

Palmsonntag gedenkt des Einzugs Jesu in Jerusalem: Einfach kommt der Messias auf einem Esel daher. Der Sohn Gottes macht keinen Lärm. Nichts Besonderes ist an ihm. Gott gibt sich alltäglich. Das muss mir zu denken geben. Gründonnerstag erinnert an das letzte Abendmahl: Jesus wird seinen Jüngern zur Speise. Seine Mission soll den Gläubigen in Fleisch und Blut übergehen. In der Eucharistie soll das Gedächtnis Jesu für alle Zeit begreifbar bleiben. Die Hingabe Jesu wird zum Lebensprogramm für alle Christgläubigen. Die Feier der heiligen Messe wird damit zu einer alternativlosen Kraftquelle für mein Leben aus dem Glauben. Karfreitag richtet den Blick aufs Kreuz: Geduldig erträgt der Gottessohn eine gewaltlose Festnahme, die ungerechte Verurteilung, unsägliches Leid und einen gewaltsamen Tod. Gott steht damit in der Mitte seiner Schöpfung. In der Passion teilt er jedes nur denkbare menschliche Schicksal. In jedem Abgrund menschlichen Lebens lässt Gott sich finden. Gott ist mir auf immer nah.

Ostern feiert Jesu Auferstehung. Gott durchbricht alle menschlichen Grenzen. Keine Spaltung mehr zwischen Zeit und Ewigkeit, zwischen Tod und Leben. Was zählt, ist die einende Gemeinschaft mit Gott, jetzt und einst. Die neue Lebensphilosophie heißt: eins sein mit Gott, den Mitmenschen, der Schöpfung, mit mir selbst.

 

Ostern: (M)eine Erlösung

Es reicht also nicht, sich am Palmsonntag auf die Seite der jubelnden Menge zu schlagen, die Gott preist. Ebenso unzulänglich ist das gläubige Mitleid des Karfreitages. Die angebrochene Karwoche fordert mich auf, meine religiösen Gefühle zu ordnen. Mir muss klarwerden, dass es an Ostern um alles geht: um mich und meinen Glauben; um meine Begeisterung für die Sache Gottes; um mein Gottvertrauen und meine Glaubenszweifel, um mein menschliches Lieben und Hoffen; um meine falsche Selbstsicherheit und meine Schuld; um alles das, was mit Gottes Hilfe aus meinem Leben noch werden soll.

Thomas Klosterkamp

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