Hirte mit Schafsgeruch

Predigtgedanken zum 4. Ostersonntag

Die Predigtgedanken stehen auch zum Download zur Verfügung: PDF-Datei herunterladen

Hirte mit Schafsgeruch

Papst Franziskus hat die Seelsorger dazu ermutigt, sich mitten unter die Herde zu mischen und den „Geruch der Schafe“ anzunehmen. Sonst drohten sie zu „traurigen“ Seelsorgern zu werden, die den Kontakt zu den Menschen verlieren. Sich mitten unter die Herde zu mischen, selber eine „Seele“ der Gemeinde zu werden, lässt den Seelsorger den Geruch seiner Herde annehmen. Echter „Stallgeruch“ entwickelt sich auch oder gerade durch Reibungspunkte. Der Hirte darf es nicht scheuen, sich mit anderen zu reiben, wenn es um das Wohl der Herde geht. Die Menschen spüren es, ob ihr Hirte aus echter Leidenschaft für seine Anliegen eintritt oder ob es ihm nur um Selbstbehauptung und Rechthaberei geht. Ein gemeinsamer Schulterschluss nach vorausgegangener „Reiberei“ integriert den Seelsorger dann umso mehr in seine Herde. Wenn jemand „im Geruch steht“, dann ist umgangssprachlich sein Ruf damit gemeint. Im Wörterbuch für Redensarten lesen wir: „Die Redensart ‚im Geruch stehen‘ ist nicht dem Verb ‚riechen‘, sondern dem Stamm ‚rufen‘ zuzuordnen. Sie bildete sich über das althochdeutsche ‚gehruafti‘ aus und lebt auch in den bekannteren Begriffen ‚Gerücht‘, ‚anrüchig‘ und ‚ruchbar‘ weiter.“ Auch wenn es im heutigen Evangelium mehr um das Rufen und um die vertraute Stimme des Hirten geht, dürfen wir annehmen, dass Papst Franziskus tatsächlich das Wort „Geruch“ gemeint hat und weniger auf den „Ruf“ der Seelsorger abhob, obwohl der ihm freilich genauso am Herzen liegt. In welchem „Geruch“ stand Jesus als Hirte? Geboren und aufgewachsen als Mitglied der auserwählten Herde Gottes, wurde Jesus von seinen eigenen Leuten aus deren Reihen hinausgedrängt und so zu einem Fremden erklärt, dessen Stimme sie nicht hören wollten. Andere wiederum nahmen ihn auf als ihren Hirten, weil sie in ihm die Stimme Gottes erkannten. Jesus, der wahre Hirte, gab seinen Jüngern eine grundlegend neue Deutung des Hirtenamtes. Mit einer starken Geste gleich zu Beginn seines Pontifikats erinnerte Papst Franziskus an Jesu Beispiel, als er an Gründonnerstag jungen Gefangenen die Füße wusch. Überdies ist die Beispielhaftigkeit des Hirtenamts Jesu nicht nur in seinem Sterben für unsere Sünden zu sehen, sondern in der Art und Weise, wie er es uns vorlebte, alle Leiden zu ertragen – und das als wahres „Unschuldslamm“. Wie „leidensfähig“ sind wir, die wir in seine Nachfolge eingetreten sind? Wie schnell sind wir verletzt und beleidigt? Die Stimme Jesu ruft uns stets von Neuem in seine Nachfolge. Und wenn wir seine vertraute Stimme hören, dann wissen wir, dass da kein Fremder ruft, sondern der gute Hirte, der sein Leben hingibt für seine Schafe.  

Athanasius von Wedon

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.