„Diese heilige Synode …“

Mehr als nur zuhören und beraten

Der synodale Weg in Deutschland, der synodale Prozess in der Weltkirche: das Thema Synode ist gerade in der Kirche sehr präsent. Dabei fällt auf: Die Kernaufgabe von Synoden scheint es zu sein, das Lehramt von Bischöfen und Päpsten zu beraten. Nicht, es selbst auszuüben. Das war nicht immer so. In diesem Vortrag widmen wir uns der Geschichte von Synodaliät in der Kirche und analysieren von dorther die Situation in Deutschland und der Weltkirche.

Hierfür führen wir zwei Begriffe ein: potestas und auctoritas. Unbenommen der komplexen Begriffsgeschichte wenden wir für diesen Vortrag folgende Definitionen an: Potestas sei die juristisch/formale Durchsetzungsmacht, mithin also die Macht des Gesetzgebers mit seiner Verwaltung. Auctoritas hingegen sei der Einfluss, der aus dem Ansehen und der Würde einer Person oder Körperschaft erwächst, modern gesprochen: die Sozial-Macht. Diese beiden Formen von Macht beeinflussen sich dabei gegenseitig. Auctoritas kann den Gebrauch der potestas einschränken und steuern; die potestas einer Person hingegen kann die auctoritas stützten und mehren.

 

Regionalsynoden

Erste Formen kirchlicher Synoden begegnen uns in den Quellen erstmals im 3. Jahrhundert. Dabei handelte es sich zunächst nur um Regionalsynoden, also um Versammlungen von Bischöfen einer Region zur Regelung von Themen für ihr jeweiliges Gebiet. Es waren rein innerkirchliche Versammlungen, da das Christentum damals eine klare institutionelle Distanz zum römischen Staat hielt.

Ihre potestas empfingen die Synoden von den anwesenden Bischöfen. Im 3. Jahrhundert hatte sich schon weitgehend ein monarchischer Episkopat ausgeprägt, indem der Bischof als Haupt seiner Diözese das Lehramt innehatte.

Die auctoritas dieser Regionalsynoden gewannen sie dagegen aus ihrer Rezeption, indem andere Bischöfe oder Kirchenlehrer auf die Beschlüsse erwiesen. Im Laufe der Zeit entstand so ein Verweisungsnetzwerk. Wir können uns Kirche damals nicht als eine Institution vorstellen. Vielmehr handelte sich um ein Kommunikationssystem, in das die Ortskirchen eingebunden waren und in dem sie aufeinander Bezug nahmen. Wurde auf eine Synode häufiger verwiesengenommen, so gewannen ihre Beschlüsse an Einfluss.

 

Reichssynoden

Die Unabhängigkeit der Kirche vom Staat änderte sich mit der konstantinischen Wende. Indem Kaiser Konstantin der Große (270-337) zunächst die Toleranz gegenüber den Christen und später ihre Privilegierung zu einem Prinzip seiner Politik machte, gewann die Kirche an Freiheit und Einfluss; aber sie wurde auch zunehmend vom Kaiser abhängig und in das System des Staates integriert.

Ergebnis dieses Prozesses waren die ökumenischen Konzilien; die erste dieser Synoden war das Konzil von Nicäa I, 325, einberufen durch Konstantin selbst, um den Arianismusstreit zu klären. Aufgrund dieser Einberufungspraxis nennen wir sie, um sie von Späteren begrifflich unterscheiden zu können, Reichssynoden. Durch Anordnung des Kaisers gewannen sie zudem innerhalb der Grenzen des Imperium Romanum Gesetzeskraft. Entsprechend konnten ihre Beschlüsse mit staatlicher Gewalt durchgesetzt werden, aber nur innerhalb der Grenzen des Reiches. Auf diesen Versammlungen spielte der Bischof von Rom zunächst keine wesentliche Rolle. Erst mit Leo dem Großen trat ein Papst als relevante Größe auf einem Konzil von Chalkedon 451 auf.

Die ersten Konzilien waren also Versammlungen der Bischöfe, überwiegend aus dem Ostteil des Imperiums; sie wurden einberufen durch den römisch-byzantinischen Kaiser und gewannen dadurch den Charakter von Reichssynoden. So empfingen sie ihre potestas zum einen vom Kaiser, als auch von den versammelten Bischöfen. Ihre auctoritas floss aus ihnen zunächst aus der Menge der versammelten Bischöfe zu, die den Anspruch hatten, die ganze Kirche zu repräsentieren. Das wurde durch die Rezeption der nicht-anwesenden Bischöfe im Nachhinein bestätigt.

 

Päpstliche Synoden

Ein neuer Typus des ökumenischen Konzils entstand im 12. Jahrhundert im Westen durch vier Synoden im Lateran 1123 – 1215. Sie fanden unter dem Vorsitz des Papstes in der römischen Bischofskirche, San Giovanni in Laterano, statt. Sie erwuchsen aus den Versammlungen der Bischöfe der römischen Kirchenprovinzen, also jener, die unmittelbar dem Papst als Metropolit und Primas von Italien zugeordnet waren.

Auf diesen hatte der Papst als Hausherr und derjenige, der sie einberufen und vorbereitet hatte, nunmehr eine dominante Stellung. In dem sich herausbildenden Kirchenrecht empfingen sie ihre potestas vom Papst und den anwesenden Bischöfen. Ihre auctoritas speiste sich aus dem Papstamt und dem Anspruch, Versammlungen der ganzen Kirche zu sein. Ihre Rezeption erfolgte aber nur noch in der lateinischen Westkirche und gelangten auch nur noch dort zur Geltung.

 

Konzil von Konstanz

In den folgenden Jahrhunderten etablierte sich das Konzept der Papstsynode. Allerdings geriet es in eine Krise, als es aufgrund des abendländischen Schismas zwischenzeitlich 3 Päpste gab. Um dieses Problem zu beseitigen, wurde ein Konzil nach Konstanz einberufen: 1414-1418. Die Relevanz des Papsttums ist daran zu erkennen, dass es für die Legitimität des Konzils erforderlich war, auch durch einen Papst einberufen zu werden. König Sigismund von Luxemburg (Römischer König und König von Ungarn) fand in Papst Johannes XXIII. zunächst einen Partner. Als dieser auf der Synode allerdings zu bemerken glaubte, das Konzil werde nicht ihn bestätigen und die übrigen Päpste absetzen, floh er. Um einer Auflösung zuvor zu kommen, erließ das Konzil das Dekret haec sancta:

„Diese im Heiligen Geiste rechtmäßig versammelte Synode, die ein allgemeines Konzil darstellt und die streitende katholische Kirche repräsentiert, hat ihre Vollmacht unmittelbar von Christus; ihr ist jedermann, welchen Standes oder welcher Würde auch immer, auch wenn es die päpstliche sein sollte, gehalten zu gehorchen …“

 

Damit ermächtigte sich das Konzil selbst, auch über den Papst zu urteilen und sie damit auch absetzen zu können. So geschah es: Johannes XXIII. wurde ebenso abgesetzt wie Benedikts XIII. Gregor XII. verzichtete nach politischem Druck auf sein Amt. Zwei Jahre später ließ das Konzil die Kardinäle einen neuen Papst wählen,
Martin V.

Gemäß seiner Selbstdefinition empfing das Konzil von Konstanz seine potestas und seine auctoritas von sich selbst als Versammlung der ganzen Kirche.

 

Vatikanum I

Einige Konzilien überspringend blicken wir nun auf das Vatikanum I, mit dem die Macht des Papsttums seinen Höhepunkt erreichte. Mit ihm kehrten die Konzilien wieder an die Residenz des Papstes zurück, dieses Mal in den Vatikan. Entsprechend war es auch stark von den Traditionen der Papstsynoden geprägt: Der Papst legte die Tagesordnung fest, er war auch anwesend, er beeinflusste und bestätigte die Beschlüsse. Das Konzil widmete sich einem ekklesiologischen Thema: der päpstlichen Unfehlbarkeit, die dogmatisiert wurde. Mit dem Vatikanum I tritt uns sowohl der Höhepunkt wie auch die Beschränkung der päpstlichen Macht vor Augen. Denn zwar konnten die Päpste nunmehr selbstständig, ohne ein Konzil, Dogmen verkünden – wenngleich das vorher schon mit dem Dogma der unbefleckten Empfängnis Mariens passiert war. Allerdings konnten sie im Verständnis der kirchlichen Öffentlichkeit keine Dogmen über sich selbst erlassen, also nicht ihre eigene Unfehlbarkeit unfehlbar dogmatisieren. Hierfür benötigte Papst Pius IX. ein Konzil.

Das Vatikanum I war also eine Versammlung der Bischöfe, die dieses Mal tatsächlich aus fast allen Teilen der Welt nach Rom gekommen waren. Es empfing seine potestas durch den Papst, der es einberufen hatte. Seine auctoritas kam ihm zu aus der Macht sowohl des päpstlichen wie des bischöflichen Lehramtes, dass es als Versammlung der Bischöfe der Weltkirche repräsentierte.

 

Codex Iuris Canonici

Auf dem Vatikanum II (1962-1965) wurde der Gedanke der Kollegialität von Bischöfen und Papsttum vertreten. Allerdings änderte sich an der grundsätzlichen Dominanz des Bischofs von Rom im weltkirchlichen Format wenig. So ordnet der Codex Iuris Canonici (CIC) von 1983 beide Formen des Lehramtes entsprechend folgendermaßen einander zu:

„Es (das Bischofskollegium) ist zusammen mit seinem Haupt (dem Papst) und niemals ohne dieses Haupt ebenfalls Träger höchster und voller Gewalt in Hinblick auf die Gesamtkirche.“ (Can. 336)

 „Die Gewalt in Hinblick auf die Gesamtkirche übt das Bischofskollegium in feierlicher Weise auf dem Ökumenischen Konzil aus.“ (Can. 337)

 

Ausgehend von unserem schon eingeübten Schema können wir also sagen: Die Bischöfe üben eine potestas nur mit dem Papst aus; der Versammlung der Bischöfe auf dem Konzil kommt mit dem Papst eine auctoritas zu, welche jene des Papstes ergänzt, nicht übersteigt. Allerdings ist der Papst, der mit der Kurie für die Umsetzung der Konzilsbeschlüsse zuständig ist, dann auch an diese gebunden.

 

Bischofssynoden ab Paul VI.

Das ist bei den Bischofssynoden anders. Sie wurden 1965 durch Paul VI. eingerichtet. Bei ihnen handelt es sich um Kommunikations- und Beratunsorgane; eine eigenständige Entscheidungskompetenz kommt ihnen nicht zu. Der Papst behält sich ihnen gegenüber umfassende Rechte vor: Er ruft die Synode ein und schließt sie; er regelt Tages- und Geschäftsordnung; und er bestimmt frei, wie er mit dem Ratschlag der Bischöfe umgeht.

Das hat sich auch unter Papst Franziskus nicht geändert, der in der Bestimmung zu den Bischofssynoden erklärte:

„Nachdem das Schlussdokument der Versammlung die Approbation der Mitglieder erhalten hat, wird es dem Papst übergeben, der über dessen Veröffentlichung entscheidet. … Wenn das Schlussdokument ausdrücklich vom Papst approbiert wurde, hat es Anteil am ordentlichen Lehramt des Nachfolgers Petri.“ (episcopalis communio)

Die Bischofssynoden sind also Versammlungen der Bischöfe ohne eigene potestas. Die auctoritas der Bischofssynode, zumal gegenüber dem Papstamt, ist bislang noch nicht ausgehandelt. In den vergangenen Synoden haben die Päpste immer wieder gezeigt, dass sie sich an den Schlussdokumenten zwar orientieren, mit ihnen aber ansonsten flexibel umgehen.

 

Der synodale Weg in Deutschland

Kommen wir zum Ausgang unseres Vortrages noch auf den Synodalen Weg und den Synodalen Prozess zu sprechen.

Die Synodalversammlung hat sich in Ihrer Satzung folgende Grenze ihrer Beschlüsse auferlegt:

„Beschlüsse der Synodalversammlung entfalten von sich aus keine Rechtswirkung. Die Vollmacht der Bischofskonferenz und der einzelnen Diözesanbischöfe, im Rahmen ihrer jeweiligen Zuständigkeit Rechtsnormen zu erlassen und ihr Lehramt auszuüben, bleibt durch die Beschlüsse unberührt.“ (Art. 11, Abs. 5)

Sie verfügt also über keine eigene potestas. Diese liegt weiterhin bei den Bischöfen. Wenngleich dies auf den ersten Blick für alle, die auf einen demokratischen Aufbruch der Kirche gehofft hatten, enttäuschend sein mag: Es ist doch folgerichtig. Denn die potestas in der Kirche liegt, wie wir gesehen haben, beim Papsttum und dem Bischofskollegium. Sie geht nicht durch das Volk Gottes aus – das unterscheidet die Kirche von einer Demokratie westlichen Zuschnittes. Entsprechend hätten die Bischöfe, mit Erlaubnis des Papstes, ihre potestas an die Synodalversammlung delegieren müssen. Da eine solche Erlaubnis nicht eingeholt wurde, kann der Versammlung auch keine potestas zukommen.

Noch nicht ausgehandelt ist dagegen die auctoritas der Synodalversammlung. Denn wie wir schon zuvor gesehen habe, muss bei neuen Formaten um diese zunächst gerungen werden. Hier deutet sich eine klare Tendenz an: Dem Synodalen Weg wird durch die mediale Öffentlichkeit eine hohe auctoritas zugesprochen. Das resultiert aus seiner Zusammensetzung: Zwar konstituiert er sich nicht demokratisch – bedingt schon durch das Übergewicht des Klerus – bildet aber doch einen breiten Querschnitt des katholischen Volkes ab.

 

Synodale Prozess der Weltkirche

Blicken wir zuletzt auf den weltkirchlichen Prozess, der sich in unterschiedliche Phasen einteilen lässt: Seine Eröffnung sowohl in Rom wie den Diözesen; den Hearing-Prozess in den Bistümern gemäß den jeweiligen Regelungen; dem Zusammentragen und Beurteilen der daraus hervorgegangenen Ergebnisse in den Bischofskonferenzen; den Kontinentalversammlungen, in denen aus den bisherigen Prozessen gemeinsamer Dokumente zusammengestellt werden, die an die Kurie gehen; dort findet dann die Bischofssynode statt, für welche die Bestimmungen gemäß episcopalis communio gelten. Am Ende eines umfangreichen Prozesses beschließen also wiederum allein Bischöfe, was sie dem Papst raten wollen, der dann darüber entscheidet, wie er diesen umsetzt.

Der Synodale Prozess verfügt also über keine eigene potestas. Seine auctoritas ist zudem noch unausgehandelt. Ob sie, durch die umfangreichen vorsynodalen Beteiligungen, höher ausfallen wird als die einer normalen Bischofssynode steht zwar abstrakt zu vermuten. Doch kann darüber aufgrund des komplexen Zu- und Nebeneinander der verschiedenen Öffentlichkeiten in der Weltkirche nur spekuliert werden.

 

Zusammenfassung

Das Lehramt auf Synoden und Konzilien wird grundsätzlich durch die Bischöfe ausgeübt. Die Bedeutung des Papstes durch die Geschichte nimmt in der Tendenz zu und ist auch durch das Vatikanum II nicht in Frage gestellt worden.

Für die potestas der Konzilien gilt derzeit, dass Papst und Konzil gemeinsam entscheiden müssen, der Bischof von Rom dann aber in der Ausführung daran gebunden ist. Das gilt für die Bischofssynoden nicht: Ihr kommt keine eigene potestas zu, der Papst ist nicht durch ihre Beschlüsse gebunden. Der Papst ist gegenüber der Bischofssynode frei, wie er mit deren Beschluss umgeht.

Die auctoritas der Konzilien erwächst aus der Zusammenarbeit zwischen Papst mit der Versammlung der Bischöfe. Die auctoritas der Bischofssynoden hingegen ist bislang noch nicht ausgehandelt, sie hat bislang noch keine eigene Macht gegenüber dem Papst erlangt.

Beides gilt auch für den Synodalen Prozess und den Synodalen Weg. Eine Änderung der Zuordnung der potestas ist bei beiden Prozessen nicht zu erwarten. Das Ringen um die auctoritas aber wird mit der Zeit einsetzen und lässt sich in Deutschland schon beobachten. Für die Öffentlichkeit in der Bundesrepublik wäre es schon jetzt ein schwerer Bruch mit den Erwartungen der Menschen, würde ein Bischof sich nicht an den Beschlüssen der Synodalversammlung orientieren. So eröffnen sich neue Konfliktpotenziale zwischen der potestas des Lehramtes und der auctoritas von Versammlungen in der Kirche.

 

Maximilian Röll


Das ist ein Nachbericht aus unserem Format denk_raum.

Beim denk_raum gehen wir große und kleine Themen des Glaubens und des Christentums gemeinsam an. Du bekommst Informationen, um tiefer zu verstehen, Tipps, um das, was man im Internet und anderswo findet, einordnen zu können und die Möglichkeit, deine Fragen zu stellen. Einmal im Monat treffen wir uns digital und widmen uns einem Thema. Zunächst gibt es einen kurzen Vortrag. In Kleingruppengesprächen können die eigenen Gedanken dann vertieft und im Plenum mit dem Referenten besprochen werden. Anschließend treffen wir uns zum gemütlichen Abend im virtuellen Klosterkeller. Das Format läuft über die App Zoom.

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